Clusterpolitik ist ein effektives Instrument für die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit und Rentabilität von Wertschöpfungsprozessen.
Durch das Nutzen von Synergien und dem Wissenstransfer zwischen Unternehmen und der Wissenschaft auf der einen Seite und innovationsorientierte
Unternehmenspraxis auf der anderen Seite werden positive Effekte freigesetzt. Der entscheidende Strategiekern ist dabei der
Doppeleffekt der Clustersysteme. Die Unternehmen arbeiten zusammen und gleichzeitig wird ein Maximum an Konkurrenzfähigkeit
erreicht, die wiederum Wettbewerbsvorteile bringt. Eine ganze Effektkette wird freigesetzt. Diese fördert nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit,
sondern schafft Arbeitsplätze und steigert die Innovation– und Entwicklungsdynamik des einzelnen Unternehmens, des gesamten
Clusters und damit des ganzen Landes und der Wirtschaft weltweit.
Im Index für das Wachstum der Konkurrenzfähigkeit (Growth Competitiveness Index) des Internationalen Wirtschaftsforums nahm
Russland im Jahr 2004 den siebstigsten Platz unter 104 bewerteten Ländern ein. Die gesamtwirtschafltiche Entwicklung steigt
seit Jahren, doch sind im Innovationsgrad und in Schlüsselsektoren rückläufige Tendenzen zu verzeichnen. Das Bruttoinlandsprodukt
sank in 2005 auf 6,4 % (2004: 7,2 %) und die Industrieproduktion fiel auf 4,5 % (2004: 7,3 %). Wichtigstes Ziel der russischen
Wirtschaft ist die Diversifikation der Produktionsstruktur und die Förderung von potentiellen Wirtschaftszweigen außerhalb
des dominierenden aber anfälligen Energie- und Rohstoffsektors. Aber es fehlt eine optimale Strategie, Ressourcen effektiv
zu nutzen und vorhandene Potentiale freizusetzen.
Umso nachdrücklicher raten Vertreter der Wirtschaft, Unternehmer und vereinzelte Staatsorgane die Industrie– und Technologielandschaft
des Landes ebenfalls in Clustersysteme überzuführen. Die gesamtrussische gesellschaftliche Vereinigung für kleines und mittelständisches
Unternehmertum "OPORA Rossii" brachte in einem Brief an den Premierminister bereits konkrete Forderungen an den Staat heran.
Es geht dabei vor allem um die Schaffung von Bedingungen, die die Gründung potenzieller territorialer Cluster mit internationaler
Konkurrenzfähigkeit ermöglichen. So gab Premierminister Michail Fradkov einigen Ministerien den Auftrag, bis zum 1. Juli 2005
formale Regelungen für neue Konzepte in der Industriepolitik auszuarbeiten. In vielen westeuropäischen Ländern (darunter Bayern)
wird Clusterpolititk bereits erfolgreich umgesetzt. Die Vernetzung von Potentialen in Wirtschaft und Wissenschaft im Rahmen
organisierter Prozesse und Netzwerke sieht man in Russland als einzige Möglichkeit, im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig
zu bleiben, die Technologie und den Innovationsgrad auf internationalen Standard zu heben und die Kooperation mit den Clusterländern
zu begünstigen. Es geht um eine effektive Restrukturierung und intensive Vernetzung der Industriegiganten, der regionalen
Kleinindustrie, sowie des Groß-, Mittel- und Kleinunternehmertums. Insbesondere die Stärkung und Einbeziehung von mittleren
und kleinen Unternehmen in den Clusterprozess stellt ein wesentliches Anliegen dar. Wichtig sind vor allem der Ausbau von
Infrastruktur und Forschungszentren und die Heranziehung von qualifiziertem Personal.
Potenzielle Cluster in Russland
In Russland existiert bereits eine Reihe von Clustern, die in ihrer Mehrheit jedoch instabil und ohne rechtskräftige Basis
sind. Es laufen seit Ende der 80-iger Jahre separate Projekte der Vernetzung von Unternehmen, die sich aber noch auf kein
einheitliches, staatlich breitflächig gefördertes Clusterkonzept stützen können. So entstand ein Projekt mit 1 Mrd. Rubel staatlicher Unterstützung für eine clusterhafte Vernetzung von Unternehmen, Hochschulen
und wissenschaftlichen Einrichtungen auf dem Gebiet der Informationstechnologie und Optik – eine Pionierbranche in Russland
(St. Petersburger Innovations- und Technologiezentrum). Ebenfalls weit ausgreift ist der Industriekomplex in Sosnovyj Bor
(Leningradskaja oblast). Dort formieren sich insgesamt 29 staatliche und private Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus
dem Bereich der hochtechnologisierten Produktion, der Atomenergie und der technischen Forschung beispielhaft zu einem Cluster
zusammen. Führend in der Clusterentwicklung sind die Schlüsselbranchen der Industrie (Chemie, Gas/Öl, Automobiltechnik, Metall,
Maschinenbau, Schiffsbau). Als vielversprechendste Cluster gelten die Luft– und Raumfahrttechnik in Moskau und Samara, die
Informations– und Kommunikationstechnik in Moskau, die Automotive in Togliatti, die Nahrungsindustrie in Moskau, Sankt Petersburg
und im Belgorodskaja oblast. Im Permskaja oblast formiert sich das Cluster der Chemieindustrie. Mögliche Clusterstrategie in Russland
Im aktuellen Diskurs um die Clusterpolititk stehen zwei Umsetzungsstrategien zur Debatte. Ein Cluster entsteht dort, wo die
jeweilige Branche vorherrschend und führend ist, wie beispielsweise die Luft– und Raumfahrttechnik im Moskauer Gebiet. Die
Alternative ist, die Cluster auf wirtschafltiche Ballungszentren zu konzentrieren. Setzt sich diese Strategie durch, erhalten
wichtige wirtschaftliche Standorte, Städte oder Agglomerate den Status einer besonderen Zone. Investieren inländische oder
ausländische Firmen in den Ausbau dieser Zonen, bekommen sie Vergünstigungen. "OPORA" setzt sich vor allem für die Schaffung
von Clustern kleiner und mittelgroßer Unternehmen auf föderaler Ebene ein. Vier Regionen wurden vom föderalen Ministerium
ausgewählt, die den Status eines „Silicon Valleys“ nach amerikanischen Vorbild bekommen sollen. Es sind die sogenannten Technoparks
in Dubna im Moskauer Umland, Nischni Nowgorod, Akademgorodok in Nowossibirsk und Sankt Peterburg. Die Clustertendenzen in
der Branche Tourismus lokalisieren sich in der Baikalrepublik Burjata und Medizintechnik kündigt sich in Zelenograd unweit
Moskaus an.
Eine effektive Umsetzung der Clusterpolititk in Russland kann in naher Zukunft noch nicht erwartet werden. Es bedarf noch
in weiten Teilen der endgültigen Überwindung des planwirtschaftlichen Strukturerbes, in dem Konkurrenzdenken und Diversifikation
praktisch nicht existierten. Noch fehlen ganzheitliche Konzepte und Methoden zur Umsetzung sowie eine systematische Erfassung
der Clusterrealität. Dennoch, die moderne Clusterpolitik ist in Russland keine unbekannte Erscheinung mehr. Eine erfolgreiche Ingangsetzung von
Clusterprozessen in Russland hängt vor allem an den ausländischen Investoren und bereits laufenden Gemeinschaftsprojekten.
Zum Beispiel das Bayerisch-Russische Zentrum für Nanotechnologie mit Sitz in München baut auf gegenseitige Kooperation und
die Einbeziehung Russlands in den deutschen Markt. Gemeinsame Forschungsprojekte begünstigen hier die Kapitalbeschaffung und
den Informationsaustausch auf hochqualifizertem wissenschafltichem Niveau. Bayern steht in dieser Hinsicht nicht nur als einer der wichtigsten europäischen Investoren, sondern als Vorbild europäischer
Clusterpolitik und Wegweiser für seinen osteuropäischen Partner.