Moskau am Jahresende: Reisebericht einer deutschen Journalistin
Tuesday, 3. February 2015

Moskau kämpft mit seinem Image, und die politische Situation macht es der Stadt auch nicht leichter, für sich zu werben. Dennoch war eine Reise nach Moskau im Dezember voller positiver Überraschungen. Schon zum zweiten Mal lud das Department for Foreign Economic Activity and International Relations der Moskauer Stadtregierung im Dezember 2014 internationale Journalisten zu einer Konferenz “It’s time for Moscow” ein. Gleichzeitig fand in der russischen Hauptstadt das 4. Moscow Urban Forum statt, dessen Besuch ebenfalls Teil des Programms war. 

Auch wenn zwei Wochen vor Weihnachten vielleicht nicht gerade die beste Reisezeit ist, war es nicht nur interessant, sondern auch überraschend schön, die Stadt nach ein paar Jahren wiederzusehen. Denn Moskau hat deutlich an Lebensqualität gewonnen. Die Luft ist spürbar besser und sauberer geworden, die riesigen Werbeplakate, die in vielen Straßen den Blick auf Häuser und Fassaden verhinderten, sind verschwunden, die in jeder freien Lücke wild parkenden Autos in Parkhäuser verbannt, die Stadt ist fußgängerfreundlich geworden, und es gibt sogar Fußgängerzonen, wo man unbehelligt vom Verkehr flanieren kann. Was in der dunklen Jahreszeit besonders auffällt ist die Beleuchtung der Straßen: Es ist nicht nur ein angenehm warmes Licht, in dem man sich durch die Stadt bewegt, in vielen Straßen im Zentrum sind auch die Gebäude angestrahlt, so dass sie selbst im Dunkeln das Auge des Betrachters anziehen und ansprechen.

Und noch zwei Beobachtungen drängten sich auf: Moskau hat nicht mehr den Ehrgeiz, alles Überkommene durch Modernes zu verdrängen, im Gegenteil: Historische Gebäude werden restauriert und neu genutzt. Und das zweite klingt vielleicht etwas seltsam, bedenkt man die Jahreszeit, aber dennoch drängte sich der Eindruck auf, dass es inzwischen in der Stadt deutlich mehr Bäume und Grünflächen gibt.

Viele dieser Beobachtungen fanden während der Konferenz ihre Bestätigung und Erläuterung, insbesondere der Teil des Programms, der dem Thema „Ways to improve the city’s investment appeal by maintaining ist historic legacy and developing modern architecture and tourism“ gewidmet war. Alexander Kibosvsky, Minister der Moskauer Stadtregierung und Leiter des Department for Cultural Heritage, bestätigte, dass im Zentrum nicht mehr neu gebaut werden darf, sondern nur noch Redevelopments gestattet sind. Derzeit werden rund 400 Objekte restauriert und weitere 70 mit privater Beteiligung neu genutzt. Bei letzteren handelt es sich vor allem um Standorte, die durch die Auslagerung der Industrie aus der Stadt freigeworden sind. Ein (bereits fertiggestelltes) Beispiel dafür sind die einstigen Stanislawski-Werke, die zum Portfolio von O1 Properties gehören und nicht nur ein moderner Bürostandort geworden sind, sondern auch als kulturelles Zentrum für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt und geschätzt werden. Berechtigter Stolz schwang mit, als Alexander Kibosvsky erläuterte, dass sein Department für das Bemühen um den Erhalt kultureller Baudenkmäler von der Denkmal Leipzig 2014 mit der Goldmedaille für „herausragende Leistungen in der Denkmalpflege in Europa“ ausgezeichnet worden ist.

Bei diesem Ansatz, das bauliche Erbe der Vergangenheit zu erhalten, hat man nicht nur die Touristen im Auge, sondern auch die eigene Bevölkerung. Eine identitätsstiftende Architektur macht auch für die Moskauer die Stadt lebens- und liebenswerter. Allerdings gibt es auch Fälle, wo man über Restauration und Erneuerung nicht mehr nachdenken kann, weil bereits die Abrissbirne regierte, wie 2006 im Fall des ehemaligen Hotels Rossija. Für das Areal hatte ursprünglich der britische Architekt Norman Foster ein neues Mammutprojekt entworfen. Diese Pläne wurden inzwischen gestoppt. Stattdessen soll hier in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kreml und zum Roten Platz ein Erholungspark entstehen.

Das Thema Parks und Grünanteil in der Stadt griff Anton Kulbachevsky, Leiter des Department for Environmental Management and Protection der Moskauer Stadtregierung auf. Zur Luftverbesserung in Moskau trägt nicht nur der Ausbau des öffentlichen Transports bei, sondern auch der erhöhte Anteil an Grünflächen in der Stadt. In den vergangenen Jahren wurden die vielen historischen Parks der Stadt erneuert, und auch generell propagiert man die Begrünung von Höfen und der Zwischenflächen bei Wohngebäuden.

Aber es ist noch mehr, was Touristen und Moskauern gleichermaßen zugute kommt. Bei der Erwähnung von Fahrradwegen zuckt man immer ein bisschen zusammen, wenn man an den Straßenverkehr in Moskau denkt. Aber es gibt sie und trotz Schnee war der eine und andere Radfahrer zu beobachten. Sicher, man wird kaum quer durch Moskau radeln, aber dort, wo es sich anbietet, wie beispielsweise im Park von Kolomenskoje und in eher ruhigeren Stadtgebieten wurden nicht nur Radwege angelegt, sondern auch entsprechende Fahrradmietstationen eingerichtet. Und da Moskau inzwischen auch moderne Kunstgalerien, eine Vielzahl von Attraktionen über den Kreml und den Roten Platz hinaus sowie jede Menge kultureller Veranstaltungen bietet, dürfte Langeweile in dieser Stadt ein Fremdwort sein. Kein Wunder, das über 80 Prozent der Touristen, die Moskau besucht haben, gern wiederkommen und mehr als 90 Prozent ihren Freunden und Bekannten eine Reise in die Stadt empfehlen würden. Bleiben noch die Vorurteile, dass Moskau ein gefährliches und teures Pflaster sowie eine Servicewüste ist. Ehrlich gesagt, sind das schon lange ungerechtfertigte Vorurteile.

Inzwischen gibt es für Touristen eine Vielzahl von Anlaufstellen, die Auskunft und Hilfestellung geben können, es gibt Tourist Call Centers, wo man in sieben Sprachen sein Anliegen vorbringen kann, und vor allem an den touristischen Brennpunkten spricht man auch Englisch. Obendrein findet man Straßennamen in lateinischer Umschrift fast überall in der Stadt (auch in den Außenbezirken). Und teuer ist Moskau beim derzeitigen Stand des Rubels wirklich nicht, zudem ist das Hotelangebot inzwischen so umfangreich, dass für jeden Geldbeutel das Passende zu finden ist.

Doch die von der Stadtregierung Moskau organisierte Konferenz war keine Touristenwerbeveranstaltung, in erster Linie ging es um den „Business-Standort Moskau“. Und auch hier halten sich beharrlich manche Vorurteile, oder anders ausgedrückt: Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Image und Realität.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Moskau als einen guten Standort für Geschäfte sehen nur 51,6 Prozent derer, die noch nie geschäftlich in Moskau aktiv waren. Unter denen, die hier bereits Geschäfte gemacht haben, erhöht sich der Anteil deutlich um 13 Prozent auf 64,6 Prozent. Insofern hat Sergey Cheryomin, Minister der Moskauer Stadtregierung und Leiter des Department for Foreign Economic Activity and International Relations sicher Recht, wenn er in seiner Eröffnungsrede hervorhebt, dass „Information die Türen zum Verständnis öffnet“.

Zum Verständnis beitragen sollen zunächst ein paar Zahlen: Moskau ist mit rund 12 Millionen Einwohnern eine der sich am schnellsten entwickelnden Metropolen. So stieg das Bruttoregionalprodukt in den vergangenen 15 Jahren von EUR 129 Milliarden um mehr als das Doppelte auf EUR 291 Milliarden – das ist mehr als das BIP von Dänemark und etwas weniger als das BIP von Österreich. In der Vergangenheit zog die russische Hauptstadt rund EUR 19 Milliarden ausländische Direktinvestitionen an, ein Wert, der, wie Sergey Cheryomin einräumte, derzeit politisch bedingt jedoch rückläufig ist. In Moskau angesiedelt sind gut eine Million Unternehmen und Organisationen, und rund 7 Millionen Menschen sind im Wirtschaftsbereich tätig. Im Ranking „Doing Business“ der Weltbank ist Moskau in den vergangenen fünf Jahren von Platz 112 auf Rang 62 aufgestiegen, und auch im Global Competitveness Index des World Economic Forum ist die Hauptstadt der russischen Föderation seit 2013 um zehn Plätze nach oben auf Rang 53 hochgeklettert.
Betrachtet man das Image Moskaus als internationales Geschäftszentrum, so stehen auf der positiven Seite die deutlich verbesserte Umweltsituation in Moskau, das vielseitige Angebot an kulturellen und Freizeitmöglichkeiten sowie die hochentwickelte IT-Infrastruktur.

Als eher problematisch dagegen gelten die Verkehrssituation, die hohen Lebenshaltungskosten und die mangelnden Englischkenntnisse vor allem im Dienstleistungssektor. Bei den Lebenshaltungskosten liegt Moskau zwar noch hinter Oslo, aber in der Tat sehr weit oben, wobei der größte Kostenfaktor die Wohnungsmiete sein dürfte. Die Englischkenntnisse verbessern sich spürbar, vor allem bei jüngeren Leuten – und seien wir mal ehrlich, auch in Deutschland oder Frankreich spricht nicht jeder Taxifahrer oder Verkäufer Englisch. Das Verkehrsproblem teilt Moskau mit vielen Metropolen der Welt, und zur Verbesserung der Situation gibt die Stadt rund USD 10 Milliarden jährlich für die Verbesserung der Transportinfrastruktur aus. So gibt es inzwischen von allen drei internationalen Flughäfen Express-Züge direkt in die Stadt, das Metronetz wird kontinuierlich erweitert, und langsam setzt sich auch in Moskau der Gedanke des Park & Ride durch, nicht zuletzt, weil es vor allem in Stoßzeiten mit der Metro einfach schneller als mit dem Auto geht.

Die eher skeptische Einstellung von Investoren Moskau gegenüber ist allerdings nicht nur ein Imageproblem, sondern hängt derzeit auch mit dem Rubelverfall zusammen, wie Tim Millard, Regional Director von JLL Russia & CIS, feststellte. Die Entwicklung des Rubels und die unsicheren wirtschaftlichen Aussichten machen es schwierig, verlässliche Vorhersagen zu treffen und entsprechende Businesspläne aufzustellen. Umso interessanter war es, drei ganz unterschiedliche Geschäftsideen und ihre Umsetzung kennenzulernen: Der Amerikaner Jerry Ruditser brachte 1995 mit Coffee Bean den ersten Coffee Shop nach Moskau, zu Menschen, die normalerweise Teetrinker sind; der Italiener Giulio Zompi hat erst 2013 seinen ersten italienischen Lebensmittelmarkt in Moskau eröffnet, inzwischen sind es bereits drei Märkte plus ein Restaurant; und der Franzose Thierry Cellerin gründete 2008 die BuzzFactory, eine Agentur für digitales Marketing.

Fasst man die Erfahrungen der drei internationalen Geschäftsleute zusammen, dann scheint es gar nicht so schwierig zu sein, in Moskau ein Geschäft erfolgreich zu etablieren. Da der Markt noch jung ist, sind die Anfangsinvestitionen geringer und ist es leichter, Investoren zu finden, die bereit sind, die jeweilige Geschäftsidee zu unterstützen. Deutlich schwieriger ist es, eine Bankfinanzierung zu bekommen. Die Zeiten, die sie jeweils brauchten, um ihre Geschäftsidee umzusetzen, lagen zwischen drei und fünf Monaten, wobei Giulio Zompi beispielsweise die meisten Schwierigkeiten hatte, einen geeigneten Standort zu finden. Was alle drei bestätigten: Die Gewinne sind in Moskau deutlich höher. Sowohl Thierry Cellerin als auch Jerry Ruditser betonten, dass viele Vorurteile – Stichworte: Mafia, Einmischung der Politik – nur Vorurteile seien. „Moskau ist näher als man denkt“ und „Russland ist ein ganz normales Land“. Allerdings sei unabdingbar, „Russen zu verstehen, nicht nur rein sprachlich, sondern auch die Zwischentöne“ und eine Auseinandersetzung mit den kulturellen und mentalen Unterschieden. Was sich alle drei jedoch wünschen würden, wäre mehr Stabilität – ein Wunsch, den sie sicher mit vielen Russen teilen.

Thierry Cellerin und seine BuzzFactory ist nur eines der insgesamt 450 französischen Unternehmen in Russland, die nach Angaben von Thomas Kerhuel, Commercial Director der französischen Industrie- und Handelskammer in Russland CCIFR, 2014 rund EUR 14 Milliarden investiert haben. Dazu gehören unter anderen auch große Namen wie Auchan, Lafarge und Renault. Thomas Kerhuel räumte ein, dass der Rubelverfall allen Kopfschmerzen bereite, doch wolle keiner den Markt verlassen, schließlich habe man auch schon die Krise 2008/2009 überstanden. Er konstatierte vielmehr auch weiterhin das Interesse französischer Unternehmen an einem Engagement in Russland, denn trotz aller aktuellen Schwierigkeiten sei es ein riesiger Markt und – auch wenn es etwas zynisch klingt – der niedrige Rubelkurs erleichtere derzeit Investments.

Alexis Rodzianko, President und CEO der American Chamber of Commerce in Russland, ergänzte seinen französischen Kollegen, indem er darauf verwies, das Russland weltweit der 6. größte Markt und für ein Unternehmen wie Pepsi Cola sogar der größte Markt sei. Schwierig sei die Situation vor allem für jene, die wie etwa die Autohersteller zwar in Russland produzieren, aber bestimmte Teile von außerhalb zugeliefert bekommen und diese in USD oder EUR bezahlen müssen.

Wer wie beispielsweise die Lebensmittelhersteller Mars oder Kellog’s seine Zutaten aus Russland beziehe und diese in Rubel bezahle, für den böten sich nach wie vor gute Chancen. Und die Immobilienbranche? Nun, Projektentwickler hatten in Russland schon immer die Möglichkeit, sich eine goldene Nase zu verdienen. Allerdings sind in Moskau, dem wichtigsten und größten Immobilienmarkt des Landes, die Anforderungen inzwischen höher geworden, denn die Stadt legt sehr viel Wert auf Qualität bei Neuentwicklungen und Investments, wie Oleg Bocharov, Leiter des Department of Science, Industrial Policy and Entrepreneurship, betonte. Die wirtschaftliche Grundlage der Stadt für die Zukunft sieht er in der Wissensgesellschaft und in innovativen Unternehmen. Daher steht die Entwicklung von Gründerzentren und Technologieparks, in denen sich junge, innovative Unternehmen ansiedeln, entwickeln und Cluster zu gegenseitigen Befruchtung bilden können, ganz oben auf der Agenda der Stadtregierung. Überhaupt fällt bei Diskussionen jetzt sehr häufig der Begriff der kleineren und mittleren Unternehmen KMU, deren Entwicklung gezielt gefördert und unterstützt werden soll.

Ein Ausflug in den Technopark Strogino im Nordwesten der Stadt nahe dem Autobahnring zeigte in der Praxis, was Oleg Bocharov meinte. 2007 von der Stadtregierung entwickelt, bieten hier zwei Gebäude rund 17.000 Quadratmeter Büro- sowie Produktions- und Lagerflächen für inzwischen rund 50 kleine innovative Unternehmen. Dazu gehören IT-Unternehmen, darunter bereits sehr erfolgreiche wie LinguaLeo, Rantex (Samurai©) oder der Entwickler für online-Spiele 101XP, medizinische und pharmazeutische Unternehmen wie Biotekfarm und Napoli (Verbandsmaterial); Peptogen, gegründet zusammen mit dem Institut für Molekulargenetik der Russischen Akademie der Wissenschaften, die die Nasentropfen Semaks (zur besseren Durchblutung des Gehirns) und Selank (gegen Neurasthenie) produzieren, oder R-Optics, die sich auf Instrumente für die Augenheilkunde spezialisiert haben; aber auch technische Unternehmen unterschiedlichster Art wie Signur, die Ultraschall-Messinstrumente für Wasser- und Abwasserröhren und –einrichtungen entwickeln, oder das Start-up-Unternehmen SystemHeat für effiziente Heizungssysteme. SystemHeat stellte den Prototyp eines flachen und vergleichsweise leichten (1 Kilogramm) Radiators vor, der sich mit Vakuumdampf erhitzt. Das Teil, kaum größer als ein Notebook, braucht deutlich weniger Energie, und die geringe Größe und das geringe Gewicht gestatten vielfältige Anwendungsmöglichkeiten.

Der Besuch im Technopark Strogino zeigte in mancher Hinsicht den Wandel Russlands deutlicher als viele Vorträge: nämlich die Abkehr von Großindustrien – jahrzehntelang galt in Russland „big is beautiful“ auch und gerade im wirtschaftlichen Bereich – und Hinwendung zu jenen vielzitierten schlankeren und daher auch anpassungsfähigeren KMU, von denen sehr viel öfter zukunftsweisende Ideen ausgehen. Und genau davon braucht Russland noch eine ganze Reihe mehr, um auf Dauer jene Krisen zu vermeiden, die durch das Auf und Ab der Rohstoffpreise das Land immer wieder erschüttern.

Marianne Schulze, Journalistin, Bergisch-Gladbach

© Quelle: http://www.schillerpublishing.eu/docs/sph-newsletter_32_20150129_de.pdf  

 
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