Russland

Russland

 

Die russische Wirtschaft hat in den nächsten Jahren eine gewaltige Aufholjagd vor sich.
Nachdem das Bruttoinlandsprodukt 2009 um fast 8% geschrumpft und der Außenhandel um über ein Drittel eingebrochen ist, muss Moskau auf eine Erholung der Weltkonjunktur hoffen. Denn die wenig diversifizierte Wirtschaft ist nach wie vor abhängig von der Konjunktur der globalen Rohstoffmärkte. Bei einem Ölpreis ab 70 US$ je Barrel dürfte das Wachstum in den nächsten drei Jahren jeweils rund 4% erreichen. Das verspricht deutschen Lieferanten wieder steigende Umsätze.

Russlands Wirtschaft fasst nach den tiefen Einschnitten im Vorjahr zu Jahresbeginn 2010 allmählich wieder Tritt. Sowohl die Regierung als auch internationale Finanzorganisationen haben die Wachstumsprognosen für das laufende Jahr deutlich angehoben. Inzwischen wird mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um mindestens 4% gerechnet. Einen wesentlichen Beitrag leisten die erneut hohen Rohstoffpreise, die den Außenhandel in Schwung bringen und Geld ins Land spülen.

Russlands Exporte haben von Januar bis März 2010 laut Zollstatistik gegenüber der Vorjahresperiode um zwei Drittel auf 92 Mrd. US$ zugelegt. Umgekehrt stiegen die Importe um 22%, wobei auch deutsche Lieferanten wieder deutlich bessere Umsätze erzielen konnten. Ihnen kommt der in den letzten Monaten stark aufgewertete Rubelkurs zugute (+10% von Januar bis Mai 2010 gegenüber dem Euro), der die deutschen Ausfuhren nach Russland verbilligt.

   


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Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts

Infolge sinkender Ausfuhrerlöse, zurückgehender Auslandsinvestitionen und einem insgesamt schwachen Konsum- und Investitionsverhalten war Russlands Wirtschaft 2009 um 7,9% geschrumpft. Doch schon im 4. Quartal waren der Tiefpunkt der Talfahrt erreicht und die ersten Indikatoren zeigten wieder auf Wachstum. Dank der hohen Rohstoffpreise sagen sämtliche Wirtschaftsinstitute und Regierungsexperten einen schnellen Aufschwung voraus. Für die kommenden drei Jahre rechnet die Regierung mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um jeweils 3,5 bis 4%.

Die Industrieproduktion ist schon im 1. Quartal 2010 um 6% gewachsen. Dabei konnten vor allem die Chemiebranche und die Elektronikindustrie stark zulegen. Auch die Fahrzeugindustrie weitet ihre Produktionszahlen wieder deutlich aus, wenngleich der Kfz-Absatz in den ersten Monaten 2010 immer noch leicht rückläufig war.

Wenig Impulse steuert der Bausektor bei. Das Volumen der ausgeführten Bauleistungen lag im 1. Quartal 2010 noch einmal um 8% unter dem bereits extrem schwachen Vorjahreszeitraum. Besonders der Wohnungsbau läuft nur schleppend an.

Finanziell steht Russland vergleichsweise solide da. Zwar wurde 2009 ein Haushaltsdefizit von 5,9% des BIP verzeichnet, doch das Minus wurde durch den Reservefonds, der sich aus hohen Öleinnahmen in den Vorjahren gespeist hatte, komplett ausgeglichen. Für 2010 rechnet das russische Finanzministerium wegen sinkender Steuereinnahmen und steigender Sozialausgaben mit einem Haushaltsdefizit von knapp 6,8%, wobei ein durchschnittlicher Ölpreis von 65 US$ je Barrel zugrunde gelegt wurde. Der Fehlbetrag soll wieder durch Mittel aus dem Reservefonds gedeckt werden, der dadurch im Jahresverlauf weitgehend aufgebraucht sein dürfte.

Durch die hohen Rohölpreise und weniger notwendige Interventionen der Zentralbank zur Stützung des Rubelkurses sind die Währungsreserven vom Tiefstand im Mai 2009 (384 Mrd. US$) bis Anfang April 2010 auf knapp 450 Mrd. US$ gestiegen.

Gleichzeitig sinkt die Inflationsrate. Nach einem Preisanstieg von 8,8% im Jahr 2009 rechnet die Regierung im laufenden Jahr mit einer Teuerungsrate von 6 bis 7%. Das ermöglicht der Zentralbank Spielraum beim Refinanzierungssatz, der Ende April 2010 zum 13. Mal in Folge auf 8% gesenkt wurde. So niedrig standen die Leitzinsen in Russland noch nie.

 

              

Wirtschaftliche Eckdaten 2009 bis 2011

 

Gesamtwirtschaftliche Prognosen

 

Allgemeine Informationen über Russland

 

Großprojekte

 


investing-euro.jpgInvestitionen

Das Investitionsklima in Russland ist immer noch eingetrübt, klart aber allmählich auf. Nach dem zweistelligen Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen 2009 (-14%) erwartet die Regierung für das laufende Jahr wieder einen leichten Anstieg um knapp 3%, der sich in den Folgejahren dann auf 8% beschleunigen soll. Zwischen Januar und März 2010 war von dieser Dynamik noch nichts zu spüren: Die Bruttoanlageinvestitionen sanken gegenüber der Vorjahresperiode um 4,7% (lediglich im März 2010 war ein winziges Plus von 0,7% zu verzeichnen).

Zuwächse gab es 2009 bei den Anlageinvestitionen in den Bereichen Stromerzeugung und -übertragung, Produktion von Erdölprodukten und Pipelinebau. Besonders starke Rückgänge ermittelte die Statistikbehörde für die Druckindustrie (-47%), die Holzverarbeitung (-45%), die Bauwirtschaft (-34%), den Telekomsektor (-33%) und den Maschinenbau (-31%).

Von staatlicher Seite wird einiges unternommen, um die Investitionsbereitschaft der Unternehmen zu stärken. Moskau will 2010 deutlich mehr Garantien für Investitionskredite gewähren als im Vorjahr und hat dafür im Haushalt eine Summe von 175 Mrd. Rubel reserviert (2009: 100 Mrd. Rubel). Auch die historisch niedrigen Leitzinsen der Zentralbank von 8% sollen die Kreditvergabe an Privatverbraucher und Unternehmen in Gang bringen und damit für neue Investitionen sorgen. Die russischen Banken verfügen heute über ausreichend Liquidität, um neue Darlehen auszugeben. Die Spareinlagen der Bevölkerung sind innerhalb eines Jahres um ein Viertel gestiegen.

Der Anteil „fauler Kredite“ in den Bilanzen der Geldinstitute hat sich in letzten Monaten verringert. Dadurch könnten die Banken Rückstellungen auflösen und neue Kredite an die Realwirtschaft verleihen. Die Zentralbank rechnet mit einem Anstieg des Kreditportfolios in diesem Jahr zwischen 15 und 20%. Allerdings zeigten sich die russischen Geschäftsbanken im Januar/Februar noch äußerst zurückhaltend, neue Kredite und damit neue Risiken in ihre Portfolios hereinzunehmen.

Das Kreditportfolio der russischen Banken (ohne Sberbank) stieg im März 2010 nur um magere 1,5%, nach einem Rückgang im Zeitraum Januar bis Februar um 1%.
Die Auslandsinvestitionen in Russland sind 2009 um ein Fünftel auf knapp 82 Mrd. US$ gesunken. Noch stärker sind die ausländischen Direktinvestitionen zurückgegangen: -41% auf 15,9 Mrd. US$. Davon flossen 4,1 Mrd. US$ in die verarbeitende Industrie, 3,5 Mrd. US$ in den Handelssektor, 3,2 Mrd. US$ in die Rohstoffförderung und 2,7 Mrd. US$ ins Immobiliengeschäft.


Konsumklima

Russlands Regierung ist es gelungen, durch einen Anstieg der Sozialausgaben (Lohnsteigerungen im öffentlichen Dienst, Rentenanhebung, Erhöhung der Arbeitslosenhilfe) die Folgen der Krise für große Teile der Bevölkerung finanziell abzufedern und den Privatkonsum weitgehend stabil zu halten. Insgesamt sind die real verfügbaren Einkommen 2009 um 2% gestiegen.
Andererseits lag die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2009 um 1,5 Millionen über dem Wert von 2008. Die Reallöhne sind um 2,8% gesunken. Gleichzeitig haben die Russen mehr Geld auf die hohe Kante gelegt und weniger konsumiert. Als Folge sind die Einzelhandelsumsätze 2009 um fast 6% zurückgegangen.


Für 2010 und 2011 rechnet das Wirtschaftsministerium mit einem Anstieg der Reallöhne um 2 bis 3% und mit einem Zuwachs bei den Einzelhandelsumsätzen um mindestens 4%. Im 1. Quartal 2010 wurde diese Prognose nur zum Teil bestätigt: Die Realeinkommen kletterten um 2%, der Privatkonsum legte um 1,3% zu. Die Zahl der Arbeitslosen war zwischen Januar und März 2010 um 400.000 niedriger als in den ersten drei Monaten 2009.

 


aussenhandel.jpgAußenhandel

Dank der erneuten Rohstoffhausse auf den Weltmärkten erzielt Russland im Export wieder deutlich steigende Umsätze. Das wirkt sich auch positiv auf die Einfuhren aus. Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, dass die Exporte 2010 um 24% auf rund 375 Mrd. $ steigen werden. Bei den Importen erwartet die Behörde sogar ein Plus von fast 42% auf 237 Mrd. $. Doch selbst mit diesen starken Anstiegen werden die Einbrüche von 2009 nur teilweise wettgemacht.

Russlands Außenhandelsumsatz war im Vorjahr um 36% eingebrochen, wobei Exporte und Importe wertmäßig nahezu gleichmäßig zurückgingen. Die EU-Länder haben dabei zwar ihre führende Stellung als wichtigste Handelspartner für Russland behauptet. Ihr Anteil sank 2009 aber um fast zwei Prozentpunkte auf 50,3%. Deutschlands Anteil
am russischen Außenhandel ist von 9,2 auf 8,5% geschrumpft. Dagegen konnte die VR China ihre Position ausweiten: von 7,6 auf 8,4%.

Auch in der Warenstruktur haben sich einige Änderungen ergeben. Zwar dominierten bei Russlands Exporten immer noch die Brennstoffe mit gut zwei Dritteln des Ausfuhrwertes. Ihr Anteil ging aber zugunsten von Lebensmitteln sowie Maschinen und Ausrüstungen leicht zurück. Umgekehrt haben Ausrüstungsgüter in der Importbilanz 2009 deutlich verloren: Ihr Anteil an den Gesamteinfuhren sank gegenüber 2008 von 56 auf 46%. Dagegen stiegen die Anteile von Lebensmitteln und Chemieprodukten.

Quelle: Germany Trade & Invest, www.gtai.de
 

forschung_innovation.jpgClusterpolitik für Russland

Clusterpolitik ist ein effektives Instrument für die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit und Rentabilität von Wertschöpfungsprozessen. Durch das Nutzen von Synergien und dem Wissenstransfer zwischen Unternehmen und der Wissenschaft auf der einen Seite und innovationsorientierte Unternehmenspraxis auf der anderen Seite werden positive Effekte freigesetzt. Der entscheidende Strategiekern ist dabei der Doppeleffekt der Clustersysteme.

In Russland existiert bereits eine Reihe von Clustern, die in ihrer Mehrheit jedoch instabil und ohne rechtskräftige Basis sind. Es laufen seit Ende der 80-iger Jahre separate Projekte der Vernetzung von Unternehmen, die sich aber noch auf kein einheitliches, staatlich breitflächig gefördertes Clusterkonzept stützen können.

So entstand ein Projekt mit 1 Mrd. Rubel staatlicher Unterstützung für eine clusterhafte Vernetzung von Unternehmen, Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen auf dem Gebiet der Informationstechnologie und Optik – eine Pionierbranche in Russland (St. Petersburger Innovations- und Technologiezentrum). Ebenfalls weit ausgreift ist der Industriekomplex in Sosnovyj Bor (Leningradskaja oblast). Dort formieren sich insgesamt 29 staatliche und private Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus dem Bereich der High-Tech-Produktion, der Atomenergie und der technischen Forschung beispielhaft zu einem Cluster zusammen. Führend in der Clusterentwicklung sind die Schlüsselbranchen der Industrie (Chemie, Gas/Öl, Automobiltechnik, Metall, Maschinenbau, Schiffsbau). Als viel versprechende Cluster gelten die Luft- und Raumfahrttechnik in Moskau und Samara, die Informations- und Kommunikationstechnik in Moskau, die Automotive in Togliatti, die Nahrungsindustrie in Moskau, Sankt Petersburg und im Belgorodskaja oblast. Im Permer Gebiet  formiert sich das Cluster der Chemieindustrie.

 

russia_fazit.jpgMögliche Clusterstrategie in Russland

Im aktuellen Diskurs um die Clusterpolititk stehen zwei Umsetzungsstrategien zur Debatte. Ein Cluster entsteht dort, wo die jeweilige Branche vorherrschend und führend ist, wie beispielsweise die Luft– und Raumfahrttechnik im Moskauer Gebiet. Die Alternative ist, die Cluster auf wirtschaftliche Ballungszentren zu konzentrieren. Setzt sich diese Strategie durch, erhalten wichtige wirtschaftliche Standorte, Städte oder Agglomerate den Status einer besonderen Zone. Investieren inländische oder ausländische Firmen in den Ausbau dieser Zonen, bekommen sie Vergünstigungen. "OPORA" setzt sich zum Beispiel vor allem für die Schaffung von Clustern kleiner und mittelgroßer Unternehmen auf föderaler Ebene ein. Vier Regionen wurden vom föderalen Ministerium ausgewählt, die den Status eines „Silicon Valleys“ nach amerikanischen Vorbild bekommen sollen. Es sind die so genannten Technoparks in Dubna im Moskauer Umland, Nischni Nowgorod, Akademgorodok in Nowossibirsk und Sankt Peterburg. Die Clustertendenzen in der Branche Tourismus lokalisieren sich in der Baikalrepublik Burjatien und Medizintechnik kündigt sich in Zelenograd unweit Moskaus an.

Eine effektive Umsetzung der Clusterpolitik in Russland kann allerdings in naher Zukunft noch nicht erwartet werden. Es bedarf noch in weiten Teilen der endgültigen Überwindung des planwirtschaftlichen Strukturerbes, in dem Konkurrenzdenken und Diversifikation praktisch nicht existierten. Noch fehlen ganzheitliche Konzepte und Methoden zur Umsetzung sowie eine systematische Erfassung der Clusterrealität.

Dennoch, die moderne Clusterpolitik ist in Russland keine unbekannte Erscheinung mehr. Eine erfolgreiche Ingangsetzung von Clusterprozessen in Russland hängt vor allem an den ausländischen Investoren und bereits laufenden Gemeinschaftsprojekten. Zum Beispiel das Bayerisch-Russische Zentrum für Nanotechnologie mit Sitz in München baut auf gegenseitige Kooperation und die Einbeziehung Russlands in den deutschen Markt. Gemeinsame Forschungsprojekte begünstigen hier die Kapitalbeschaffung und den Informationsaustausch auf hochqualifiziertem wissenschaftlichem Niveau. Bayern steht in dieser Hinsicht nicht nur als einer der wichtigsten europäischen Investoren, sondern als Vorbild europäischer Clusterpolitik und Wegweiser für seinen osteuropäischen Partner.

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