Russland

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Wirtschaftsentwicklung in der Russischen Föderation

Russlands Wirtschaft kehrt zum Wachstum zurück. Für 2017 wird eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in einer Bandbreite - je nach Quelle - von 0,3 bis 2,0% erwartet. Über die Nachhaltigkeit des Wachstums wird aber gestritten. Das Wirtschaftsministerium spricht von einer durchschrittenen Talsohle, wogegen das Finanzministerium die Wirtschaft im Auge eines (geopolitischen) Wirbelsturms wähnt.

Die Konjunktur hat sich 2016 auf niedrigem Niveau stabilisiert. Die Wirtschaftsleistung ist 2016 um 0,2% zurückgegangen, nach -2,8% im Vorjahr. Ursprünglich hatte der russische Statistikdienst Rosstat einen BIP-Rückgang um 0,6% für 2016 und um 3,7% für 2015 veröffentlicht. Doch dann wurde die Berechnungsmethode für die reale BIP-Entwicklung geändert: Neu legt Rosstat das Basisjahr 2011 zugrunde. Zuvor war das reale Wirtschaftswachstum in Relation zum Basisjahr und Preisniveau von 2008 kalkuliert worden. 

Entwicklung einzelner Branchen

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Das Wachstum blieb 2016 jedoch auf wenige Branchen beschränkt. Mit einem Plus von 4,8% wirkte die Agrarwirtschaft stabilisierend. Die Industrie insgesamt schrieb mit 1,1% zwar leicht schwarze Zahlen. Doch speziell die verarbeitende Industrie fand mit 0,1% noch keinen wirklichen Ausweg aus der Krise. Noch schlechter schnitt die Bauwirtschaft mit -4,3% ab. Dagegen kehrte der Bergbau mit 2,5% auf den Wachstumspfad zurück, insbesondere der Kohlebergbau mit 6,0%.

Die verschiedenen Maschinenbausparten boten 2016 kein einheitliches Bild. Hersteller von Landtechnik profitierten von der guten Agrarkonjunktur und tun dies weiterhin. Außerdem leg(t)en die Hersteller von Nutzfahrzeugen und Güterwaggons zu. Auch die Chemieanlagenbauer erhielten und erhalten umfangreiche Aufträge, vor allem aus der Kunststoff- und Petrochemie. Darüber hinaus zog die Produktion von metallbearbeitenden Werkzeugmaschinen an, befeuert von staatlichen Beihilfen und flankiert von der politisch vorgegebenen Importsubstitution.

Dagegen erweist sich die Lage der Pkw-Hersteller alles andere als rosig, worunter die gesamte Zulieferindustrie leidet. Vertreter der Automobilindustrie äußern jedoch die Hoffnung, dass der Fahrzeugabsatz 2017 weniger stark zurückgeht oder sogar wieder leicht wächst. Einerseits erreichen viele Fahrzeuge ein Betriebsalter von zehn Jahren oder mehr, was zu einem erhöhten Austauschbedarf führt. Andererseits lassen die Rückgänge bei den privaten Konsumausgaben nach.

Im Krisenmodus befindet sich ebenfalls die Bauwirtschaft nebst ihren Zulieferern. Da der Staat als größter Bauinvestor mit seinen knapper gewordenen Haushaltsmitteln vorerst andere Industriesparten fördert, kann 2017 nicht mit einer signifikanten Erholung der Baukonjunktur gerechnet werden.

Investitionen

investing-euro.jpgDie Investitionen werden 2017 leicht zulegen, nachdem in den drei Vorjahren gleich mehrere Modernisierungsrunden ausgefallen sind. Praktisch lief der Kapitalstock seit Verhängung der Wirtschaftssanktionen und zeitlich flankiert vom Ölpreisverfall bis auf wenige Ausnahmen auf Verschleiß. Der Staat wird 2017 wegen Haushaltsengpässen nur ausgewählte Sektoren finanziell fördern können. Für diese Zwecke (Zuschüsse, Zinssubventionen etc.) stellt das Ministerium für Industrie und Handel 2,8 Mrd. Euro bereit.

Zu den Schwerpunktbranchen staatlicher Industriepolitik gehören Maschinen- und Fahrzeugbau, Flugzeugindustrie, Elektronik, IT und Telekommunikation, Chemie, Bergbau, Lederwaren und Schuhe, Textil und Bekleidung. Es ist davon auszugehen, dass sich auch die inzwischen exportfähig gewordenen Branchen Holz, Zellulose und Papier 2017 gut entwickeln - der billige Rubel wirkt dabei als Katalysator.

Wachstum, ob durch Staatsbeihilfen oder den billigen Rubel generiert, ruft das Interesse privater Investoren auf den Plan. Aktuell fließen umfangreiche private Finanzmittel in Agrarholdings, in die Öl- und Gasindustrie, in die (petro-)chemische Industrie sowie in die Zellulose- und Papierindustrie. Internationale Markenhersteller entdecken aktuell sogar die russische Bekleidungsindustrie, die in der Vergangenheit als unwiederbringlich abgeschrieben galt. So rutschten die Durchschnittslöhne für Näherinnen infolge der Rubelabwertung unter chinesische Vergleichswerte.

Die kapitalkräftige Öl- und Gasindustrie muss in die Erschließung von Lagerstätten im Fernen Osten, im hohen Norden und im Schelf investieren, um die Fördermengen mittelfristig halten zu können. Auch in die Gasverflüssigung wird verstärkt investiert. Denn nur so lassen sich Exporte diversifizieren und bislang unerreichbare Gasmärkte, darunter in Südostasien, beliefern.

Um chemische Zwischen- und Endprodukte mit höheren Margen produzieren und die eigene Chemieindustrie mit Ausgangsmaterialien aus heimischen Quellen besser beliefern zu können, entstehen Anlagen der Petrochemie und der Industriegaserzeugung. Davon profitiert auch die Kunststofferzeugung und -verarbeitung, die ihre Kapazitäten bereits seit längerem ausbaut.

Für die umfangreichen Kohlevorkommen plant die Regierung ebenfalls eine verstärkte Weiterverarbeitung, nachdem der Export von Energie- und Kokskohle an Transportengpässe im Fernen Osten stößt. Durch Tiefenveredlung des Energieträgers in der Chemieindustrie soll der Absatz im eigenen Land gesichert werden. Abgeleitet von dieser Regierungsvorgabe sind mittelfristig umfangreiche Projekte zu erwarten.

Konsum

forschung_innovation.jpgDer Konsum hat seine jahrelang ausgeübte Rolle als Wachstumsmotor verloren. Das Modell, wonach die Löhne schneller steigen als die Produktivität in der Wirtschaft, erwies sich spätestens seit dem Ölpreiseinbruch als nicht mehr finanzierbar. Unternehmen übersprangen angesichts der Wirtschaftskrise und eigener finanzieller Engpässe Lohnerhöhungsrunden oder gewährten nur unterdurchschnittliche Anhebungen.

Gleichzeitig fraßen sich die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten in die verfügbaren Einkommen der Privathaushalte. Bei Nahrungsmitteln und Getränken lagen die Preissteigerungen allein durch den 2014 erlassenen Einfuhrstopp auf westliche Agrargüter bei 30%. Laut einer Studie der Weltbank musste vor allem der russische Mittelstand seinen Konsum einschränken.

Doch könnte der Konsum 2017 wieder steigen - zumindest leicht. Denn bis Dezember 2016 halbierte sich der Verbraucherpreisindex auf 5,4%. Im Jahr 2015 hatte er noch bei 12,9% gelegen. Auch das durchschnittliche Zinsniveau für Konsumentenkredite ist gesunken. Bei Kfz-Finanzierungen liegen die Zinskosten dank staatlicher Zuschüsse und der Absatzförderprogramme seitens der Automobilhersteller teilweise sogar unterhalb des Inflationsniveaus.

Außenhandel

aussenhandel.jpgRusslands Außenhandel fiel im Wert vorrangig dem Ölpreisverfall zum Opfer. Sanktionen und Gegensanktionen taten ihr Übriges. Die Abwärtsbewegung wurde 2016 nicht gestoppt. Die Exporte fielen im Vergleich zum Vorjahr um weitere 17,0% auf 287,6 Mrd. US$. Dagegen sanken die Importe nur noch um 0,4% auf 183,6 Mrd. US$.

Der negative Trend setzte sich auch im deutsch-russischen Handel fort. Die deutschen Exporte nach Russland sind 2016 mit 21,58 Mrd. Euro um 1,0% und die deutschen Importe mit 26,45 Mrd. Euro um 11,3% zurückgegangen (laut Destatis). Der Einbruch des Werts der russischen Lieferungen sind auf die gesunkenen Weltmarktpreise für Erdöl und Gas zurückzuführen. Denn die gelieferte Menge an Kohlenwasserstoffen nahm nicht ab; das Gegenteil war der Fall.

Deutsche Unternehmen erwägen angesichts russischer Lokalisierungsforderungen verstärkt Möglichkeiten, reine Liefergeschäfte durch eine teilweise Lokalisierung der Fertigung in Russland abzulösen. Auch das spiegelt sich im sinkenden Warentransport aus Deutschland nach Russland wider. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Entwicklung 2017 und in den Folgejahren sogar noch verstärkt.

 

© Quelle: Germany Trade & Invest, http://www.gtai.de/

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