Russland

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Russlands Wirtschaft schrumpft. Das Schlüsselproblem sind knappe, zu teure Finanzierungen. Investitionen konzentrieren sich auf die Verteidigungsindustrie, die Agrar- und Nahrungsmittelwirtschaft, die Chemieindustrie sowie den Ausbau von Schienenwegen im Süden und Fernen Osten. Finanzmittel für die Bauvorhaben zur Fußball-WM 2018 werden gekürzt. Die sanktionsbedingte Neuausrichtung des Außenhandels auf Partnerländer in Asien verläuft schwieriger als ursprünglich angenommen.

Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts

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Russlands Wirtschaft gerät 2015 in eine handfeste Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird um 2,8% sinken, prognostiziert das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung. Die russische Zentralbank erwartet einen Rückgang des BIPs um 3,5 bis 4,0% im Basisszenario (Ölpreis von 50 bis 55 US$ je Barrel) und um 5,3 bis 5,8% im Risikoszenario (Ölpreis von 40 bis 45 US$ je Barrel).
Die vorläufigen Wachstumswerte aus dem 1. Quartal 2015 erhärten die negativen Vorhersagen: die Wirtschaftsleistung sank um -2,2% (Januar bis April 2015: -2,4%). Dabei ging die Industrieproduktion um 0,4% zurück, der Wert der erbrachten Bauleistungen fiel um 4,7% und die Einzelhandelsumsätze brachen um 6,7% ein. Aufgrund der Wirtschaftskrise blieben die Steuer- und Zolleinnahmen des Staates um 5,3% unter dem Planansatz.
Positive Impulse gingen nur von der Landwirtschaft mit einem Produktionsergebnis von +3,5% und vom Bergbau mit +0,7% aus. Die Agrarwirtschaft profitierte vom Einfuhrstopp auf westliche Lebensmittel. Dem Bergbau nutzte der Rubelverfall; der Export von Bergbauprodukten wurde dadurch rentabler.

Die seit Jahrzehnten angemahnten, aber nie abgestellten Strukturschwächen in der russischen Wirtschaft haben das BIP-Wachstum zwar schon seit längerer Zeit gehemmt. Doch kamen 2014 mit westlichen Finanzmarktsanktionen und gesunkenen Weltmarktpreisen für Erdöl und Erdgas externe Störfaktoren hinzu. Beide Faktoren schwächen erheblich die Investitionskraft des Staates, wichtiger Banken und der Energiekonzerne. 

Angesichts westlicher Sanktionen will die russische Regierung die Wirtschaftsbeziehungen nach Asien und Lateinamerika intensivieren, insbesondere zu den anderen BRIC-Staaten China, Indien und Brasilien. Hersteller aus der VR China werden regelrecht hofiert, teilweise auch aus Korea (Rep.). In Europa konzentrieren sich die Bemühungen auf die Schweiz.

Energieriesen wie Gazprom und Rosneft investieren Milliarden von US-Dollar in Pipelines und LNG-Anlagen, um den chinesischen Energiemarkt für russisches Erdöl und Gas zu erschließen. Doch nimmt die Umleitung der Lieferströme gen Osten mehrere Jahre in Anspruch. Russlands wirtschaftliche Annäherungsversuche an die VR China verlaufen nicht friktionsfrei.

Die in Moskau offensichtlich voreilig gehegten Hoffnungen, asiatische (insbesondere chinesische) Finanzmärkte zur Refinanzierung russischer Banken und Unternehmen nutzen zu können, haben sich teilweise zerschlagen. So können chinesische Banken in anderen Weltteilen, unter anderem in Afrika, höhere Renditen als in Russland erwirtschaften. Das Interesse hält sich bei Bankern und Wirtschaftskapitänen in Peking, Shanghai oder Hongkong somit in Grenzen. Gleiches lässt sich für Singapur sagen.

Einzige Ausnahme bilden Gas- und Ölprojekte, darunter auf der Halbinsel Jamal in Nordrussland, wo Novatek und Total gemeinsam Erdgas fördern und als LNG exportieren werden. An diesem Projekt hat sich die chinesische CNPC inzwischen zu 20% beteiligt. Nun wird erwartet, dass die China Export Import Bank und die China Development Bank 12 Mrd. US$ an Krediten nachreichen.

Auch die Preisverhandlungen mit der Türkei zum Bau der Erdgasleitung "Turkish Stream", die durch das Schwarze Meer nach Anatolien und weiter nach Europa verlaufen soll, erweisen sich für Gasprom als äußerst schwierig. Mit privaten türkischen Gasimporteuren konnte Gasprom Anfang Mai 2015 zwar Rabattvereinbarungen erzielen, nicht jedoch mit dem türkischen Staatsunternehmen Botas. Dieses besteht auf erheblichen Preiszugeständnissen. 

Investitionen

investing-euro.jpgHaushaltskrise, hohes Zinsniveau, Kreditknappheit und vorerst fehlende Geschäftsaussichten in vielen Industrie- und Dienstleistungsbranchen trüben die Investitionstätigkeit. Die Bruttoanlageinvestitionen sind im 1. Quartal 2015 um 6% gesunken. Besonders hart trifft es die Bauwirtschaft, nachdem im föderalen Nachtragshaushalt 2015 die Ausgabentitel "Finanzierung Hochbau" um 10% und "Finanzierung Tiefbau" um 25% gekürzt wurden.

Ganze Industrien haben angesichts zu teurer Kredite ihre Investitionspläne auf Eis gelegt. Der Leitzins wurde zwar stufenweise von 17% (galt ab dem 16.12.2014) über 15,0% (30.1.2015), 14,0% (16.3.2015) auf 12,5% (seit 5.5.2015) zurückgeführt. Dennoch bleiben die Kosten für Fremdkapital zu hoch. Zudem verschärften Kreditgeber ihre Forderungen nach beizubringenden Sicherheiten.

Direktinvestitionen, Kreditgarantien, Zuschüsse und Zinssubventionen des Staates stehen fast nur noch prioritären Wirtschaftsbereichen zur Verfügung, allen voran der Verteidigungsindustrie, Agrar- und Nahrungsmittelwirtschaft sowie ausgesuchten Infrastrukturvorhaben. Dazu gehören der Schienenausbau im Fernen Osten und in Südrussland (Umgehung der Ukraine, Anbindung an Häfen), die verkehrstechnische Erschließung der Krim und die bautechnische Vorbereitung der Fußball-WM 2018.

Regierung und Zentralbank reagieren mit Staatshilfen und Vorzugskrediten auf die westlichen Finanzmarktsanktionen. Durch diese sind russische Unternehmen und Banken wurden direkt oder indirekt von Refinanzierungen auf den Kapitalmärkten in den USA und in der EU abgeschnitten. Unter dem Strich können die staatlichen Hilfen die Auswirkungen der Sanktionen auf die russische Wirtschaft aber nur punktuell lindern, nicht jedoch völlig kompensieren. Je länger die Sanktionen anhalten, desto mehr schmelzen die finanziellen Reserven des Staates zusammen.

Es wurde eine Liste von 199 systembildenden Unternehmen erstellt, die zusammen einen Jahresumsatz von 57% des BIP erwirtschaften. Diese können auf Staatshilfen zur Projektrealisierung hoffen. Finanziert werden die Hilfsgelder aus dem Antikrisenprogramm im Staatshaushalt in Höhe von 166 Mrd. Rubel (2,954 Mrd. Euro; 1 Euro = 56,1843 Rubel, Stand: 7.5.2015) und aus dem Nationalen Wohlstandsfonds in Höhe von 550 Mrd. Rubel (9,789 Mrd. Euro).
Zusätzlich werden Staatsgarantien zur Verfügung gestellt und Staatsobligationen in einer Höhe von 1 Billion Rubel (17,789 Mrd. Euro) zur Verbesserung der Liquidität der Banken aufgelegt. Alle Hilfsmaßnahmen zusammen belaufen sich auf eine Summe von 2,3 Billion Rubel (40,936 Mrd. Euro).

Konsum

forschung_innovation.jpgDer Konsum fällt 2015 als Wachstumsmotor aus. Das im März verzeichnete Durchschnittgehalt von 33.205 Rubel (523,99 Euro, 1 Euro = 63,3695 Rubel, Stand: 31.3.2015) ist im Vergleich zum Vorjahr zwar nominal um 6,5% gestiegen, doch real um 8,3% gesunken. Auch kehren Probleme der 1990er Jahre in die Unternehmenspraxis zurück: Gehaltszahlungen werden verzögert oder vorübergehend ausgesetzt.

Der Index für das Verbrauchervertrauen (Consumer Confidence Index, CCI), den der Föderale Statistikdienst (Rosstat) für das 1. Quartal 2015 ermittelte, erreichte einen Negativrekord von -32%. Nur 2009, im ersten Jahr der internationalen Finanzmarktkrise, schlug der CCI mit -35% noch stärker nach unten aus.

Die Einzelhandelsumsätze schrumpften im 1. Quartal 2015 um 6,7%. Verbraucher schränkten ihre Ausgaben ein angesichts der galoppierenden Inflation von 16,4%. Die Nahrungsmittelpreise legten im Schnitt sogar um 22,4% zu. Die Regierung geht davon aus, dass der Zenit der Preissteigerung im 1. Quartal überschritten wurde. Sie begründet das mit der zwischenzeitlichen Stabilisierung des Ölpreises und des Rubelkurses sowie mit der Senkung des Leitzinses. Auch die Nahrungsmittelpreise geben in der warmen Jahreszeit nach.

Außenhandel

aussenhandel.jpgRusslands Außenhandel geht 2015 in Menge und Wert zurück. Die deutschen Lieferungen dürften deshalb weiter einbrechen. Im Jahr 2013 importierte Russland Waren und Dienstleistungen im Wert von 28,5 Mrd. Euro aus Deutschland. Im Jahr 2014 sank der Einfuhrwert auf 24,8 Mrd. Euro (-12,9%). Besonders stark fielen die Lieferungen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus mit -17,0%. Deutsche Exportbetriebe haben 2014 vorrangig Altverträge erfüllt, jedoch kaum neue Aufträge an Land ziehen können.
Dagegen landeten die russischen Exporte nach Deutschland in beiden Jahren punktgenau bei 27,8 Mrd. Euro. Deutsche Firmen bezogen Erdöl und Erdgas, chemische Erzeugnisse, Metalle und Metallerzeugnisse.
Der russische Einfuhrstopp auf westliche Lebensmittel und die Probleme bei der Importfinanzierung haben die Abwärtsspirale im Außenhandel weitergedreht. Zugenommen hat 2014 lediglich der russische Außenhandelsüberschuss.
Die russische Regierung leitet angesichts der geopolitischen Lage eine Verschiebung der geographischen Ausrichtung von Importen ein - weg von der EU, hin zu Ländern, die sich den westlichen Sanktionen nicht angeschlossen haben. Der Erfolg ist aber bislang mäßig.

 

Quelle: Germany Trade & Invest. Verkürzte Version, weitere Diagramme unterhttp://www.gtai.de/

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